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Anmerkungen zu Rottenbergs Wahlkampf entlang der U6

Zur Diskussion um die Kriminalität entlang der Linie U6 hat sich in den vergangenen Tagen auch Thomas Rottenberg, Autor, Journalist und Blogger zu Wort gemeldet und damit in den sozialen Medien eine Diskussion entfacht. Unter anderem schildert er eine Situation, in der ein „vierschrötiger Mit-Dreissiger mit fast ebenso elendem Auftreten“ 16-jährige Mädchen auch mit körperlicher Gewalt anfährt, dass sie sich „beim Anschaffen halt mehr anstrengen“ müssen. Er selbst ignoriert die Situation und berichtet anschließend in seinem Blog darüber. Auf einen kritischen Kommentar von Wolfgang Rössler (NZZ.at), der dankenswerterweise darauf hinweist, dass Wegschauen in dieser Situation feige ist, kontert Rottenberg auf Twitter: „133 bei junkie-zoff? theoretisch richtig. praktisch sinnlos. nicht wegen der Polizei“ und führt noch weiter aus, dass „die“ gegeneinander keine Aussage machen, er wisse wovon er rede.

Und das ist der Punkt, an dem wir dazu Stellung nehmen möchten. „Wir“ sind in dem Fall einerseits betroffene Frauen, die schon oft in ihrem Leben „junkie-zoff“ hatten und sich gewünscht hätten, wenn jemand die Zivilcourage gehabt hätte, einzugreifen. Und andererseits Barbara Gegenhuber, Klinische Psychologin und Leiterin der Drogentherapieeinrichtung Schweizer Haus Hadersdorf, die seit mehr als 15 Jahren in der Drogenarbeit tätig ist. Wir waren in unserem Leben also schon sehr oft mit Gewalt gegen drogenabhängige Frauen konfrontiert, sei es aus eigener Erfahrung oder sei es durch die vielen Gespräche und langjährige Betreuung von drogenabhängigen Frauen, die nur allzu oft selbst Opfer von Gewalt sind.

Die Opfererfahrungen werden in der Öffentlichkeit jedoch wenig thematisiert, oft wird nur auf die TäterInnenseite der Abhängigen hingewiesen, sei es auch nur, wenn sie dealen oder sonst irgendwie den öffentlichen Raum „stören“. Wobei wir auf diesen Aspekt hier gar nicht näher eingehen wollen, sondern eher darauf aufmerksam machen möchten, dass Drogenabhängige selbst genauso Opfer von Gewalt werden. Und diese trotz der bestehenden Vorurteile und Stigmatisierungen ein Recht auf eine schützende Reaktion der Öffentlichkeit haben.

Abhängige, die sich in der Szene befinden sind häufig TäterInnen und Opfer in einer Person, wobei hier den drogenabhängigen Frauen sicherlich noch eine spezielle Rolle zukommt, nicht zuletzt weil es bei ihnen oft massive Opfererfahrungen in der Vergangenheit gibt. Sucht dient auch als Bewältigungsmechanismus.  Diese Erfahrungen hinterlassen Spuren, körperliche und seelische und wirken sich auch auf den weiteren Umgang mit neuerlichen Gewalterfahrungen aus, das weiss man schon seit Seligmanns Forschung zu gelernter Hilflosigkeit.

Rottenberg argumentiert sein Nicht-Eingreifen auch damit, dass es aus seiner Sicht sinnlos sei, weil die Betroffenen ohnehin keine Anzeige machen würden. In manchen Fällen mag das stimmen, vermutlich auch weil die Frauen gelernt haben, dass ihr eigenes Verhalten nichts an der Situation ändert und damit auch die Motivation und Fähigkeit zu Reagieren eingeschränkt ist. Doch selbst wenn diese Aussage stimmt, wird hier ein entscheidender Faktor vergessen: Die soziale Kontrolle. Selbst wenn der Anruf bei der Polizei nicht in einer Anzeige endet: Es birgt zumindest die Chance, dass die Beteiligten nicht das Gefühl haben es sei normal, körperliche Gewalt auszuüben. Dass Frauen, die bereits mehrfach Opfer wurden das Gefühl bekommen können, dass Misshandlungen nicht normal sind. Und es birgt zumindest die große Wahrscheinlichkeit, dass diese konkrete Situation durch das Auftauchen der Polizei unterbrochen wird. Genau diese Chancen sollte man ergreifen. Andernfalls führt dieses „Wegschauen“ zu etwas, das in der Literatur als „Sekundärviktimisierung“ bekannt ist: das Trauma bleibt aufrecht, die Opferrolle wird festgeschrieben. Damit das nicht passiert, bedarf es sozialer Unterstützung. Und die gibt es in der Drogenszene von den „Normalos“, wie sie Rottenberg bezeichnet, in solchen Situationen leider sehr selten. Stattdessen wird Politik auf dem Rücken der Betroffenen gemacht.

Drogenabhängige sind auch Menschen. Sie haben nur keine Lobby. Und das merkt man in dem Fall.

 

Für den Text verantwortlich:

Patientinnen aus dem Schweizer Haus Hadersdorf; Dr. Barbara Gegenhuber, MA, Klinische Psychologin, Geschäftsführerin des Schweizer Haus Hadersdorf